Agiles Marketing

Colored Postits

Und: Wie kann man Agilität verkaufen?

Geschrieben von Andreas Schliep am 14.04.2018

Ich bin kein Verkäufer. Als ich 12 war, hat mir meine Oma einen Haufen aussortierte Kleider zum Verkauf auf dem Flohmarkt mitgegeben. Mein Stand war in kürzester Zeit der beliebteste Platz – kein Wunder, denn ich habe alles zum Spottpreis weggegeben. Meine Oma war nachher etwas schockiert ob meiner geringen Ausbeute. Vielleicht hätte ich für den Kamelhaarmantel mehr als eine Mark kriegen können?

Auch als freiberuflicher Coach und Trainer habe ich nie besonderen Wert auf die Maximierung meiner Einkünfte gelegt. Ich habe keine überzogenen Ansprüche an meinen Lebensstandard - ich geniesse es, nicht jeden Euro umdrehen zu müssen, aber brauche keine riesige Wohnung, keine teure Uhr und keinen Maßanzug. Und so habe ich auch nie Augenmerk darauf gelegt, wie man sich selbst oder seine Produkte verkauft, vermarktet, anpreist.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen gibt es sehr viele Anbieter von Schulungen oder Beratungen, das Wort "agil" wird fast schon inflationär an alles angehängt, was anscheinend eine Aufwertung oder Neuerfindung verdient - oder verspricht. Einerseits müssen wir uns Gedanken machen, wie wir uns als DasScrumTeam aus der Vielfalt abheben - andererseits erfährt sogar das Marketing selbst eine "Agilisierung". Und ja, es gibt auch ein Zertifikat.

Mir erschien das befremdlich. Warum etwas Gutes auch noch anpreisen müssen? Marketing und Vertrieb wirkten auf mich fast schon anrüchig. Ich komme aus der Produktentwicklung. Wert wird geschaffen und angenommen - und nicht diskutiert. Doch genau da habe ich mich geirrt. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich allzu gut, dass eine gute Idee alleine nicht ausreicht. Das Beispiel? Agiles Arbeiten selbst.

Wenn wir einen Kunden davon überzeugt haben, agiler werden zu wollen, dann sind noch längst nicht alle Marketing-Aufgaben getan. Es wäre zu schön, wenn wir mit unserem initialen Kontrakt einfach nur ein paar Schulungen geben und Methoden vermitteln könnten, und schon würden alle mitmachen. Für die Annahme einer neuen Idee verwenden wir im agilen Coaching sogar ein Marketinginstrument: Die Marketing-Adaptionskurve.

Genau wie wir neue Technologien und Produkte unterschiedlich schnell akzeptieren und in unser Leben integrieren, nehmen wir auch Ideen und Wandel in unserem Arbeitsumfeld nicht immer mit offenen Armen auf. Was übrigens auch für agile Trainer und Coaches selber gilt. Bei mir war es ironischerweise das Thema "Marketing" selbst, gegen das ich mich lange gewehrt habe. Ich bin ein Marketing-Nachzügler, ein Vertreter der späten Mehrheit, die Neues erst annimmt, wenn es nicht mehr genug Gegenargumente gibt.

Dabei habe ich selbst schon sehr viel Marketing betrieben. Zum Beispiel für Scrum, durch die Mitarbeit an Übersetzungen, Vorträge auf den unterschiedlichsten Konferenzen, Postings in sozialen Netzwerken. Und natürlich für mehr Agilität, den Weg zum Agilen Coach und eine menschenfreundliche und produktive Arbeitswelt in unzähligen Kursen und Workshops. Ich habe nur nicht für mich erkannt, wie sehr ich davon profitieren könnte, wenn ich mich dem Thema "Marketing" selbst öffne.

Ich sehe jetzt die Marketing-Profession mit anderen Augen. Es gibt viel zu lernen, und viel zu integrieren. Ich freue mich, dass unser DasScrumTeam-Partner Kai seinen persönlichen Schwerpunkt auf die Heranführung von Menschen an neue Ideen und Produkte legt. Damit füllt sich eine Lücke in unserem Wirken zwischen der kreativen Entwicklung und der interaktiven Vermittlung. Marketing ist aus meiner Sicht dabei ein Wegbereiter für den Wertaustausch.

Andreas Schliep

Über den Autor

Andreas Schliep

Andreas Schliep ist ein Gründungsmitglied von DasScrumTeam AG. Er arbeitet als Scrum Coach und Trainer. Nach seinem Besuch der Hochschule Bremerhaven arbeitete Andreas zunächst als Softwareentwickler, Projektleiter, Teamleiter und später auch Bereichsleiter. Zu Scrum kam Andreas 2003-2004 durch seine damaligen Kollegen bei WEB.DE. Nach der Scrum Implementierung dort wechselte Andreas 2006 zur SPRiNT iT und machte sich 2008 als Coach und Trainer selbständig. Heute liegen seine Schwerpunkte neben der Einführung und dem Ausbau von Scrum insbesondere beim Qualitätsmanagement und der nachhaltigen Verbesserung von Entwicklungsteams.

  • Erfahrung mit Scrum seit Frühjahr 2004 als Scrum Master, Product Owner, Teammitglied, Coach und Trainer.
  • Einführung von Scrum bei der WEB.DE AG und ComBOTS AG
  • Betreuung von international verteilten Scrum Teams bei BenQ-Siemens
  • Betreuung von Scrum Teams bei bwin Wien Unterstützung des Übergangs von RUP zu Scrum bei UOL Brasilien
  • Weitere Scrum-Implementierungen in D/A/CH
  • Besondere Interessen: Skalierung und Verbesserungsprozesse