Kleine Entwicklerteams und Einzelpersonen arbeiten parallel an mehreren Produkten. Wie kann man da Scrum machen?

Geschrieben von Peter Beck am 22.08.2013

"Mein Entwicklerteam umfasst 6 Personen, von denen nahezu jeder in unterschiedlichen Projekten arbeitet. Hinter diesen Projekten stehen auch unterschiedliche Systeme oder ich nenne es hier mal Produkte. Mein Problem ist, dass die Entwicklerteams für ein Produkt aus ein bis zwei Personen bestehen und somit eigentlich zu klein sind, um sinnvoll Scrum einsetzen zu können. Alle Entwickler als ein Team anzusehen und alle Anforderungen in ein gemeinsames Backlog zu schreiben hätte zur Folge, dass es auch mehrere Product Owner gäbe, nämlich für jedes Produkt einen. Wie deckt sich das mit der Vorgabe, der Product Owner ist immer eine Person und kein Gremium?"

Du beschreibst eine klassische Problemstellung. Viele sagen dann oft, wir können genau wegen dieser organisatorischen Besonderheit kein Scrum machen. Das Gegenteil ist der Fall. Das Rollenmodel von Scrum mit der Forderung, dass es nur einen Product Owner für ein Team gibt, ist genau wegen dieser Problematik so aufgebaut.

Warum ist das so? Wir wissen, ein Team von 7+/-2 Personen kann extrem gut die eigenen Abläufe kontinuierlich verbessern und so eine sehr hohe Effizienz in dem was es tut erreichen. Leider reicht das nicht. Denn wir können sehr effizient das Falsche liefern. Also alles andere als Effektiv sein. Konkret für Deine Situation solltest du dir die folgenden Fragen stellen:

  • Welches Produkt ist das wichtigste?
  • Was sollte erst einmal fertig sein bevor wir uns auf ein anderes Produkt konzentrieren?
  • Wohin geht es, wenn unsere Annahme nicht stimmt und wir die Richtung korrigieren müssen?
  • Brauchen wir so viele Produkte überhaupt?
  • Welche neuen Produkte werden wir brauchen?
  • Was brauchen die Nutzer eigentlich?
  • Wie entwickelt sich unser Gewinn?
  • Zusammengefasst: Wie sieht die Strategie für unsere Produkte aus und wie passt das mit der Unternehmensstrategie zusammen?

Können die jetzigen Produktverantwortlichen (in deiner Frage als "mehrere Prodcut Owner" bezeichnet) diese Fragen sofort beantworten? Haben sie die Kompetenz dazu? Sind ihre Zielvereinbarungen so definiert? Oder gilt es gerade das Budget, was wir noch für dieses Jahr haben, zu verbraten? Leider bekommen wir als Berater oft nur bei der Letzten Frage ein sofortiges "Ja" (und das auch nur vertraulich).

Das heisst nicht, dass die Produktverantwortlichen als wichtige Stakeholder nicht an den Antworten mitarbeiten und diese vermutlich auch massgeblich mit beeinflussen werden. Wenn aber das Team die Fragen stellt muss sofort eine Antwort kommen, damit es weiter fortschreiten kann. Wer also kann die Antwort in Deiner Organisation geben? Mutige vor! Sie oder Er ist der Product Owner für das Team.

Selbst wenn die Produkte nur noch von dem Team gewartet werden müssen, nur wenig neue Änderungen pro Produkt umgesetzt werden und die technische Komplexität sehr gering ist: die Einfachheit sollte es dem Team leicht möglich machen, die Produkte gemeinsam zu pflegen und neue Verbesserungen zu etablieren. Warum sollten wir das nicht nutzen wollen?

Die obigen Fragen bleiben aber weiterhin oft ungeklärt. In diesem Fall könnte es Euch und dem Product Owner helfen die Arbeit an den Produkten mit einem Kanban-Board transparent zu machen. So sind die Entscheidungen, welche gefällt werden müssen, leichter auch für die Produktverantwortlichen nachzuvollziehen. Den die Verantwortung des Produkt Owners ist es, nicht nur Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen, sondern auch rechtzeitig und kontinuierlich die Stakeholder zu integrieren.

Yuliya Mijuk

Über den Autor

Peter Beck

Peter ist leidenschaftlicher Scrum Coach, Trainer (Certified Scrum Trainer, CST) und Moderator mit einem soliden Hintergrund im Engineering. Seit mehreren Jahren trainiert und coacht er eine große Bandbreite von Entwicklungsteams, Fachabteilungen, Projektleitern und Führungskräften in der Anwendung von Scrum, agilen Planungsmethoden und Softwareengineerings-Praktiken.
Peter hat die Österreichische Scrum Gruppe gegründet, an den Scrum Checklisten mitgewirkt, Publikationen auf InfoQ.com veröffentlicht. Er hält regelmäßig Vorträge auf agilen Konferenzen und Community Events.

  • Erfahrung mit Scrum seit 2004 als Teammitglied, ScrumMaster, Product Owner, Coach und Trainer.
  • Führen von international verteilten Scrum Teams als ScrumMaster
  • Mitgründer und Partner der DasScrumTeam AG
  • Besondere Interessen: Agile Unternehmen und Scrum beyond Software
Tags