LeSS-Kurs mit Bas Vodde

LeSS

Weniger ist mehr

Geschrieben von Andreas Schliep am 30.09.2015

Mitte September hatte ich die Gelegenheit, an einem Certified LeSS Practitioner Training von Bas Vodde teilzunehmen. Mir ging es auf der einen Seite um eine bessere Einschätzung von LeSS, auf der anderen Seite um einen weiteren Schritt um LeSS-Konzepte selber einsetzen und verbreiten zu können. Moment, was ist LeSS eigentlich? Der Kurs zeigt es sehr deutlich. LeSS ist Scrum. Genauer gesagt, die konsequente Anwendung von Scrum-Prinzipien und Regeln auf den skalierten Einsatz. Insofern gibt es schon eine starke Übereinstimmung zu unseren ScALeD-Prinzipien. Das gilt auch für die weiteren Grundlagen von LeSS und Scrum wie Lean, System Thinking und, ja, Menschen. Wie Scrum ist LeSS schnell erklärt und mühsam umgesetzt. Es bietet keine Blaupause, oder ein Modell das an die eigenen Ansprüche „getailored“ werden soll. Stattdessen bietet es die Basis für den effektiven skalierten Einsatz von Scrum.

Der Definitionsbereich von LeSS kommt unseren Kursteilnehmern vielleicht bekannt vor. Den Kern bilden die Grundlagen, Denkansätze und Prinzipien. Darauf baut das LeSS Framework - besser, die LeSS Frameworks, denn für sehr große Implementierungen gibt es eine Variante - auf. Den äußeren Ring bilden schliesslich etliche Experimente - Praktiken oder Konstellationen aus den verschiedensten Bereichen zur Erfüllung oder Unterstützung des Frameworks. LeSS für eine Reihe von Teams, die an einem gemeinsamen Produkt arbeiten, sieht zum Beispiel so aus wie in unserem Bild.

Einige Besonderheiten von LeSS sind aus der Darstellung nicht sofort ersichtlich, aber durchaus bemerkenswert - vor allem, weil sie zum Teil nicht der gängigen Scrum-Lehre entsprechen:

  • Man spricht weiter von einem potentiell auslieferbarem, statt einem releasebarem Produktinkrement.
  • Die Synchronisation zwischen den Teams erfolgt im Wesentlichen durch die Teams selbst, nicht durch Product Owner oder Scrum Master.
  • Eine Definition of Ready wird eher als schädlich angesehen.
  • Das Entwicklungsteam in LeSS heisst einfach Team. Das Konzept des Scrum Teams mit allen drei Rollen greift in LeSS nicht, da bei der Skalierung nicht automatisch jedes Entwicklungsteam einen eigenen Product Owner erhält.
  • Der Product Owner priorisiert mehr, als dass er Anforderungen klarifiziert.
  • Die Teams arbeiten sehr eng mit Kunden und Stakeholder zusammen.
  • Die Verwendung von User Stories auf höherer Ebene macht Sinn, aber die Backlogs der Teams können durchaus auch Komponenten oder Tasks enthalten.
  • Es gibt weiterhin die klassische Aufteilung in Sprint Planning 1 und 2.
  • Das Committment wird nach dem Sprint Planning 2 abgegeben.
  • Das einzige zusätzliche Meeting ist die Overall Retrospective, in der die Lernergebnisse des Sprints zusammengetragen und gemeinsam betrachtet werden.

Die einzelnen Bestandteile oder Praktiken zu LeSS kommen dem ein oder anderen sicherlich bekannt vor. Das ist kein Wunder, schliesslich handelt es sich bei der Zusammenstellung der LeSS-Experimente um die Ergebnisse jahrelanger praktischer Arbeit im skalierten Umfeld. Natürlich gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen. So fordert LeSS bereits zum Einstieg einen massiven organisatorischen Umbau. Die Aufbauorganisation richtet sich dabei streng nach den Produkten und ggf. Standorten, nicht mehr nach funktionalen Linien und Hierarchien. Eine konsequente LeSS Einführung beinhaltet die (Re-) Organisation auf der Basis funktionsübergreifender Teams. Jedes Team ist dabei - prinzipiell - in der Lage, potentiell auslieferbare Produktinkremente mit einem Minimum an Abstimmungsaufwand zu anderen Teams zu liefern. Die Rolle des Produkt Owners wandert noch mehr auf die Business-Seite, während Teammanager sich um die organisatorischen und disziplinarischen Aspekte kümmern. Alles ist darauf ausgelegt, die bestmögliche Umgebung für sich selbst organisierende, produktorientierte Teams zu schaffen.

Neben der Grundlagen und ihrer praktischen Implikationen beschäftigte sich der Kurs auch stark mit den Herausforderungen bei der Einführung von LeSS. So lässt sich der gewünschte Ausbreitungs- und Reifegrad eines Produktteams nicht immer auf Anhieb erreichen. Manche Teams arbeiten an einem Teilaspekt des Gesamtprodukts, insbesondere bei extrem umfangreichen Produkten. Viele Teams können - noch - nicht alle erforderlichen Arbeitsschritte hin zur potentiellen Auslieferbarkeit im Sprintrahmen durchführen. Die dementsprechenden Werkzeuge und Maßnahmen sind Bestandteil des LeSS-Experimentiersatzes.

Insgesamt empfehle ich den LeSS Kurs für ScALeD-Supporter, kritische SAFe-Anwender, DAD-User, Nexus-Fans und alle anderen, die sich leider mit der Skalierung agiler Ansätze beschäftigen müssen, weil in ihrem Kontext ein einziges hervorragendes Team nicht ausreicht.

Andreas Schliep

Über den Autor

Andreas Schliep

Andreas Schliep ist ein Gründungsmitglied von DasScrumTeam AG. Er arbeitet als Scrum Coach und Trainer. Nach seinem Besuch der Hochschule Bremerhaven arbeitete Andreas zunächst als Softwareentwickler, Projektleiter, Teamleiter und später auch Bereichsleiter. Zu Scrum kam Andreas 2003-2004 durch seine damaligen Kollegen bei WEB.DE. Nach der Scrum Implementierung dort wechselte Andreas 2006 zur SPRiNT iT und machte sich 2008 als Coach und Trainer selbständig. Heute liegen seine Schwerpunkte neben der Einführung und dem Ausbau von Scrum insbesondere beim Qualitätsmanagement und der nachhaltigen Verbesserung von Entwicklungsteams.

  • Erfahrung mit Scrum seit Frühjahr 2004 als Scrum Master, Product Owner, Teammitglied, Coach und Trainer.
  • Einführung von Scrum bei der WEB.DE AG und ComBOTS AG
  • Betreuung von international verteilten Scrum Teams bei BenQ-Siemens
  • Betreuung von Scrum Teams bei bwin Wien Unterstützung des Übergangs von RUP zu Scrum bei UOL Brasilien
  • Weitere Scrum-Implementierungen in D/A/CH
  • Besondere Interessen: Skalierung und Verbesserungsprozesse