Wie entgehe ich der Einzelgänger-Lethargie?

Einzelgänger-Lethargie
Geschrieben von Rudolf Gysi am 21.08.2019

Wer kennt es nicht? Wir arbeiten Sprint für Sprint als Scrum Master oder als Coach mit dem Team. Es stellen sich gute Erfolge ein. Die Kunden geben Feedback, das ermuntert, wir gehen den Weg weiter. Der PO hat ein zufriedenes Lächeln in den Meetings. 

Trotzdem beschleicht uns von Sprint zu Sprint ein Gefühl der Leere. Ist das überhaupt noch sinnvoll, was ich hier mit dem Team tue? Bringe ich das Team als Scrum Master noch weiter? Jeden Tag gehen wir zum Daily oder zu einem anderen Meeting und haben das Gefühl, Hauptdarsteller im Film „täglich grüsst das Murmeltier“ zu sein.

Ich nenne diesen Zustand „Die Einzelgänger-Lethargie“. Der Duden definiert Lethargie folgendermassen: 
Zustand körperlicher und psychischer Trägheit, in dem das Interesse ermüdet ist.
Dabei werden folgende Eigenschaften beschrieben: gleichgültig, träge, langweilig, schwerfällig, desinteressiert, schlapp, teilnahmslos und viele weitere Worte, die nicht sehr inspirierend sind. Im Internet gibt es viele Definitionen oder Synonyme dazu.

Ich konnte diese Phänomene auch bei mir schon beobachten. Denn ich wusste von mir, dass diese Attribute eigentlich gar nicht so zu mir gehören oder passen. Trotzdem hat es mich enorme Mühen gekostet, in der Arbeit gegen die Symptome anzukämpfen. Ich habe lange gebraucht, um den Ursachen auf die Schliche zu kommen.

Ich habe angefangen acht zu geben, wann diese Trägheit auftritt und wann sie wieder weg ist. Auffallend oft hatte ich das Gefühl, lethargisch zu sein, wenn ich lange und alleine in meiner Rolle oder Aufgabe unterwegs war. Ich konnte mich mit niemandem wirklich über die Herausforderungen und die Probleme meiner Mandate austauschen. Ich war völlig uninspiriert und habe dem Team nicht das gegeben, was ich als Scrum Master oder als Coach eigentlich geben möchte. Selbst Retrospektiven – etwas was ich eigentlich sehr gerne mache – waren plötzlich eine Last und ich habe den Weg des geringsten Widerstands gewählt und irgendwas gemacht, was mich wenig Energie gekostet hat. 

Es gab aber auch andere Momente. Zum Beispiel wenn ich an einer Scrum User Group war. Da habe ich viele Menschen getroffen, die ähnliche Aufgaben zu lösen hatten. Die neue Ideen schilderten und von Erfolgen in ihren Teams erzählten. Ich konnte da auch andere nach ihrer Meinung fragen. Oder wenn ich in einer Firma in der Agilen Gilde oder in der Gilde der Coaches oder Scrum Master besucht habe. Der Austausch hat inspiriert und Lust gemacht, Neues auszuprobieren. Auch der Besuch von Konferenzen hat geholfen, neue Ideen zu sammeln und Energie zu tanken, um neue Aufgaben anzupacken.

Agilität lebt davon, dass man in einem Team arbeitet und sich austauscht. Aber die Arbeit in einem Team ist nur ein Aspekt von Agilität. Denn wir sind auch Teil einer Gruppe, die sich für gewisse Fachthemen interessiert, ausserhalb meines Entwicklungs-Teams. Dort kann ich über meine speziellen Skills reden, lernen und reflektieren. Diese speziellen Skills bringe ich in in meiner Rolle als Coach oder Scrum Master wieder in mein Team. Aber wo kann ich diesen Tank meiner Skills wieder füllen? Wer hilft mir, in meiner Rolle besser zu werden? Das Team, in dem ich normalerweise arbeite, kann diese Aufgabe nicht unbedingt erfüllen. Die „verbrauchen“ ja meine Ideen und Fähigkeiten. Daher muss ich die Energiequelle anderswo finden. 

Immer, wenn ich fühle, dass die „Einzelgänger-Lethargie“ sich langsam aufbaut, überlege ich mir, wo ich wieder Energie her bekomme. Wo kann ich mich mit Menschen austauschen, welche meine Interessen teilen? Mit diesem Ziel habe ich eine ganze Reihe von Möglichkeiten gefunden, meine Inspiration wieder mit Energie zu versorgen. Ich gehe regelmässig zu Scrum User Groups, um mich fachlich mit Kollegen zu unterhalten. Ich besuche regelmässig Konferenzen. Dort erhoffe ich mir, immer neue Methoden und Ideen zu erlernen und neue, spannende Menschen kennen zu lernen. Dann gibt es noch eine Möglichkeit, sich zu regenerieren. Ich treffe mich regelmässig mit Coaches und Scrum Mastern, die in einer ähnlichen Arbeitssituation sind. Wir nennen das „Coach-Treffen“ Da verbringen wir die Zeit mit „Kollegialer Fallberatung“ Es tut doch immer wieder gut zu sehen, dass man mit seinen Themen nicht alleine auf der Welt ist. Dieser Perspektivenwechsel bringt sehr viele neue Ansatzpunkte für die Arbeit. 

Und sonst…. da gehe ich einfach mal mit anderen Kollegen einen Kaffi trinken und wir erzählen einander wie schwer wir es doch haben und welch grossartigen Heldentaten wir in der letzten Zeit vollbracht haben.

In aller Kürze: Verlasst euer eigenes Silo, geht raus und trefft und redet mit Kollegen und tauscht Ideen und auch mal Sorgen aus. Sucht euch einen Club, der euch wieder Inspiration und Energie gibt.
Ihr werdet sehen, dass die Schwere und Müdigkeit des Alltages plötzlich viel weiter weg ist und das Team wieder einen Coach oder Scrum Master hat, der inspiriert und von innen heraus wieder leuchtet. Das, was wir uns doch alle so sehr wünschen… oder? ;)

Rudolf Gysi

Über den Autor

Rudolf Gysi

Auf der Suche nach immer besserer Qualität entdeckte ich vor vielen Jahren die agilen Methoden in der IT. Seit 2010 unterstütze ich Teams beim Erlernen von Scrum und Kanban. Als Mitgründer der agilen Bewegung in der Schweizer Bundesbahn (SBB) habe ich den Aufbau der Trainings, der Agile Community und der Agilen Transformation seit 2011 mitgestaltet.

2018 bin ich als Coach für agile Produktentwicklung bei DasScrumTeam eingestiegen. Jetzt geht es darum Agilität in das Business zu tragen und IT und Business zu einem Team zusammenwachsen zu lassen.