Wie kommt man von den firmeninternen Zulieferern im Projekt weg?

Geschrieben von Yuliya Mijuk am 27.03.2014

"Ich habe noch kein funktionierendes Scrum-Team, sondern möchte in einem Projekt, mit dem ich derzeit arbeite, gerne mal nach Scrum organisieren. Bei uns ist es aber traditionell so, dass Projekte immer aus einem Kern (ca. 5 Leute) besteht und darum herum gibt es dann bis zu 20 sogenannte „Delegates“, welche gewisse Teilarbeiten durchführen. Die Kompetenzen sind daher auf eine sehr grosse Anzahl Personen verteilt und das Scrum Team würde daher riesig. Mit mehreren Scrum-Teams zu arbeiten, wäre auch nicht sinnvoll, da viele der Delegates quasi nur „Zulieferanten“ von einer grossen Anzahl von Projekten sind. Um den Anspruch von Scrum zu erfüllen, dass alle für die Fertigstellung eines auslieferbaren Teil des Produkts notwendigen Kompetenzen im Scrum Team vorhanden sind, müsste man den sogenannten Kern befähigen, sich mehr zuzutrauen resp. mehr selbst zu produzieren und weniger auf die Delegates auszuweichen. Dies bedeutet aber einerseits einen Mindchange bei den Personen des „Kerns“, andererseits gibt das aber sofort auch politische Diskussionen, da die Delegates oftmals zu Service-Stellen gehören, die einen bestimmten Bereich verantworten und nicht wollen, dass man ohne sie irgendwas produziert.

Daher ist das Ganze sehr komplex. Einen Ausweg sehe ich darin, das Kernteam zu ermutigen, mehr selbst zu produzieren (also ohne zu Hilfenahme von Delegates), aber gleichwohl gewisse Arbeiten halt extern zu vergeben, aber so, dass die Qualitätskontrolle der extern vergebenen Arbeiten dem Scrum-Team obliegt. Es wären somit zwar nicht ganz alle notwendigen Kompetenzen im Scrum Team originär drin, das Scrum Team würde aber diejenigen Spezialkompetenzen, die ihm fehlen, sozusagen temporär zukaufen."

Evtl. könnte Kanban (allein oder in Kombination mit Scrum) Ihnen bei Ihrer derzeitigen Projektaufstellung helfen, die Projektteams und die "Delegates" unter einen Hut zu bringen und eine gute Übersicht über alle Projekte und Abläufe zu schaffen: https://www.infoq.com/minibooks/kanban-scrum-minibook

Der von Ihnen beschriebene Ausweg ist eine Möglichkeit für die Bottom-Up Einführung von Scrum. Sie können mit dem Kernteam starten und es mit dem Team definieren, wie sie die externen Mitarbeiter bzw. "Delegates" im 1. Sprint involvieren wollen. Nach der Sprintdurchführung müssen Sie aber unbedingt in der Retrospektive besprechen, wie gut diese Lösung funktioniert hat und ob man es in Zukunft weiter so oder doch anders machen sollte. Ich würde Ihnen empfehlen, wenn es geht, zusammen mit dem Kern-Team noch vor der Sprintplanung festzulegen, welche externen Kompetenzen im nächsten Sprint gebraucht werden und diese als vorläufige Teammitglieder, die nur …% am Sprint arbeiten, in das Team aufzunehmen. Alle Scrum Meetings (Plannings I und II, Daily Scrum, Review, Retrospektive, evtl. auch das Backlog Refinement Meeting) sollte man mit dem ganzen Team (Kern + externe oder anders vorläufige Teammitglieder) durchführen.

Apropos Komplexität und politische Diskussionen: Scrum löst die Probleme in der Organisation nicht, Scrum deckt sie nur auf, und man kann nicht isoliert in einem Team Scrum betreiben, also werden Sie in Zukunft sicherlich häufiger mit unangenehmen politischen Diskussionen konfrontiert…

Hier noch ein Link zu einem Blog-Eintrag von uns, der evtl. zu Ihrem Thema "Delegates" passt.

Yuliya Mijuk

Über die Autorin

Yuliya Mijuk

Yuliyas berufliches Leben fing gleich mit Scrum an. Sie ist Certified Scrum Professional und hatte ihre Zertifizierung als ScrumMaster in 2006. Nach dem Computerlinguistikstudium an der LMU München kam sie 2004 zu WEB.DE, wo zu dieser Zeit die Umstellung auf Scrum stattfand. Später hat Yuliya als ScrumMaster und Scrum Coach bei SPRiNT iT und bei billiger.de gearbeitet.

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